Bieler Tagblatt/Montag 22. Juli 2002

ENDLICH TRAUMBERUF GEFUNDEN

In Grossaffoltern lernen Jugendliche mit einer Beeinträchtigung in familiärer Umgebung das Metier des Bauern und erlangen dadurch mehr Selbständigkeit und bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Marianne Mathys

Im Stall steht Milka und käut bedächtig wieder. „Ich betreue die sieben Kühe und fünf Kälber“, erzählt Urs, 23, aus Trimbach und schlüpft in die Stallstiefel. „Die Lehre als Strassenbauer hat mich überfordert. Nach vielen Gesprächen mit dem Berufsberater der Invalidenversicherung habe ich mich für die Landwirtschaft entschieden.“ Nun ist Urs endlich dorthin gelangt, wo es ihm gefällt und seine Arbeit geschätzt wird: „Auf der Flue fühle ich mich wohl“, meint er und merkt mit Bedauern an: „Bald werde ich weggehen.“

BERUFSGLÜCK GEFUNDEN

Vom Kuhstall geht's hinaus in den Laufhof. Es ist heiss, die anderen Kühe befinden sich mit ihren Kälbern im kühlen Laufstall. „Wir betreiben Mutterkuhhaltung. Ich tränke die Tiere, miste aus, füttere sie und lasse sie abends auf die Weide“, umschreibt Urs eine seiner Aufgaben. „Im September stellen wir um: Dann sind die Tiere tagsüber draussen und nachts im Stall.“ 

Urs ist nervös. „Ob ich alles richtig erzähle?“, sorgt er sich. Im Gemüsegarten beim Treibhaus bleibt er stehen: „Wir ziehen Kräuter, Kohlrabi, Bohnen, Salate, Tomaten, Zwiebeln, Erdbeeren und Himbeeren sowie Kartoffeln und Getreide“, zählt er auf, sorgfältig darauf bedacht, nichts zu vergessen. Die Führung von Urs durch den 8,5-Hektaren-Betrieb geht weiter, vorbei an den Schweinen, Schafen, Ziegen und den Hühnern. „Jeder hier ist für eine Tierart verantwortlich - zuerst für ein Kleintier, später für die Kühe.“

Im Geräteraum greift er nach einer Grasfräse, zieht sich den Helm an, klappt den Augenschutz herunter und führt das Gerät vor. „So habe ich beim Nachbarn, der in den Ferien war, die Wegränder gemäht“, erklärt er. Äusserst sorgfältig hängt er das Gerät wieder auf, stellt den Helm an seinen Platz zurück, zeigt den Traktor. Die Betriebsführung, vor wenigen Tagen als Prüfungsarbeit gewertet, ist beendet.

Gerade habe ich meine zweijährige Anlehre beendet. Jetzt habe ich eine Stelle gefunden. Im September gehe ich nach Zurzach, auf einen Bio-Betrieb. Die Bauernfamilie hat 70 Mastschweine und 14 Melkkühe.“

Zwei Wochen war er dort – zum Schnuppern. „ Neu ist, dass es dort Pferde und einen Laden hat. So lerne ich wieder etwas dazu“, freut sich Urs, und verabschiedet sich in sein Zimmer im ersten Stock. „ Ich muss packen. Schade, hier hat es mir so gut gefallen. Aber meine Zeit ist um.“

Die Sozialpädagogin Therese Stöckli freut sich, dass Urs eine Stelle gefunden hat. „Ziel unserer Kleininstitution ist, Jugendliche in der freien Wirtschaft oder aber geschützten Werkstätten zu platzieren.“ Keine einfache Aufgabe. „Bis es so weit ist, muss vieles gelernt werden, unter anderem Verantwortung zu tragen.“

Dank den vielseitigen Aufgaben auf dem Hof sei es möglich, allen Betreuten eine entsprechende Aufgabe zu übertragen. „Um sieben stehen alle auf, dann werden die Tiere gefüttert. Wer schon routiniert ist, bereitet das Frühstück vor oder heizt beim kalten Wetter ein.“ Um acht wird gefrühstückt. Dann folgt die Tagesplanung. „Eine wichtige Zeit: Hier wird nicht nur festgehalten, wer was macht. Wir nehmen uns auch Zeit, Probleme zu besprechen“, so Therese Stöckli. Bis zur Mittagspause und anschliessend bis Feierabend werden in der Hauswirtschaft diverse Arbeiten erledigt.

INDIVIDUELLE BETREUUNG

Fünf pädagogisch und landwirtschaftlich geschulte BetreuerInnen teilen sich die Ausbildung dieser Jugendlichen. „Alle sind unterschiedlich. Wir müssen individuell auf sie eingehen. Monika zum Beispiel fragt immer nach, wenn ihr etwas unklar ist,“ erzählt Therese Stöckli. „Sie müssen die einzelnen Abläufe immer wieder üben, bis sie sitzen. Und lernen, die Fortsetzung eines Ablaufes oder die Notwendigkeit einer anderen Arbeit zu erkennen, um selbständig anzupacken.“

An einem Tag pro Woche findet Unterricht statt. Die einen besuchen die Berufsschule Bächtelen in Wabern, den anderen wird lebenspraktischer Unterricht vermittelt: Ein Kassenbuch oder einfache Sätze schreiben, lesen und rechnen, reisen und telefonieren und vieles mehr. „Alles was die Selbständigkeit fördert“, so die Betreuerin Rosmarie Gervasi.

Ein wichtiger Aspekt ist die Zusammenarbeit mit den Eltern: „Ihr Verständnis ist ausschlaggebend für das Gelingen der Anlehre“, ist Rosmarie Gervasi überzeugt. Nicht alle Jugendlich passen ins Ausbildungskonzept der Flue. „Manche hängen noch zu sehr an ihren Eltern, andere brauchen eine zusätzliche Bezugsperson, zum Beispiel einen Beistand, um die Ausbildung erfolgreich abschliessen zu können. Dies den Eltern nahe zu bringen, ist manchmal schwierig: Einige erhoffen sich zu viel von ihren Kindern und überfordern sie“, meint Rosmarie Gervasi. „Für uns stehen das Wohl der uns Anvertrauten und ihre Berufschancen im Vordergrund. Das Verständnis hierfür zu fördern, dafür setzen wir uns ein.“